Digitalisierungszwang durch die Politik

Seit 2019 zahle ich jedes Quartal eine Honorarstrafe von aktuell 2,5% meines Honorares (für gesetzlich versicherte Patienten), da ich meine Praxis EDV nicht an die Telematikinfrastruktur anbinde.

Die Strafe, die die Bundesregierung für Telematikinfrastrukturverweigerer*innen wie mich beschlossen hat, wird von meinem vierteljährlichen Honorar, dass niedergelassene Ärzte von der Kassenärztlichen Vereinigung ausbezahlt bekommen, direkt abgezogen.

Aktuell laufen Musterprozesse gegen diesen Honorarabzug, da es außer mir noch ein paar tausend andere niedergelassene Ärzt*innen gibt, die ebenfalls diesen Zwang zur Telematik nicht mitmachen möchten.

In Zukunft drohen für meine/unsere Tätigkeit als Kassenärzt*innen weitere Einschränkungen, wie zB die Unmöglichkeit noch Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen auszudrucken, da diese nur noch über die Telematik versendet werden können…

Im Gegensatz zu der sehr sinnvollen praxisinternen Digitalisierung, ist die Verbindung mit Netzwerken der gesetzlichen Krankenversicherungen, der Kassenärztlichen Vereinigung, mit Clouds in denen Gesundheitsdaten gespeichert werden oder mit anderen Anbietern des sogenannten „Gesundheitsmarktes“ wie zB Apotheken für mich ein absolutes no go.

Ich kann die Politiker überhaupt gar nicht verstehen, die Vorteile dieser Vernetzung bewerben, die bei genauerem Hinsehen komplett albern sind (zB der imaginäre Vorteil der elektronischen Patientenakte: man hätte dann ja den Überblick über alle bisher getätigten Untersuchungen/Medikamente des Patienten, das wäre doch toll. Die Wahrheit ist aber, dass wahllos alles Mögliche in der elektronischen Akte gespeichert weren kann, aber nicht muss – und dass man beim durchschnittlichen Lebensalter, in dem sich die meisten meiner Patienten befinden, als Arzt vermutlich erstmal eine Stunde bräuchte, um sich in die Daten einzulesen, die ja dann aus allen möglichen Fachrichtungen stammen…).

Die ökonomischen und die ökologischen Nachteile dieser Digitalisierung werden in den Medien gar nicht thematisiert, zB konnte ich nur den Kopf schütteln über den Optimismus im Artikel des Schwäbischen Tagblatt vom 4.5.21:

https://www.tagblatt.de/Nachrichten/Leider-noch-ein-Torso-499889.html

Dabei sind die Nachteile gravierend. Datenspeicher, sogenannte „clouds“ – englisch für „Wolken“ bestehen nicht aus Wasserdampf, der ökologisch einwandfrei und nachhaltig hergestellt wird; sondern es handelt sich um Materie, die aus Metallen und seltenen Erden besteht, um die aktuell viele Kriege in dieser Welt geführt werden, sie benötigen immer knapper werdendes Kühlwasser, Schutz durch Söldner, Verbindung zu Sateliten, die in immer größeren Mengen um die Erde kreisen und nach einigen Jahren zu Weltraumschrott werden. (laut GEO 6/21 Seite 100 sind es nach Schätzungen dr ESA 128.934.000 Teile Weltraumschrott, die im erdnahen Orbit umherfliegen)

Nun mag das im Privaten jeder für sich selbst entscheiden, ob er diese Dinge nutzen möchte, ob z.B. mobile Daten und ein schnelles G5 Netz so unbedingt nötig sind, wie die schlaue Industrie uns durch Werbung und Gruppenzwang vorgaukelt; wenn mir aber die Gesundheitspolitiker gar keine Möglichkeit mehr lassen, beruflich auch ohne diese Dinge auszukommen, empfinde ich das als gravierenden Eingriff in meine persönliche berufliche Freiheit.

Auch auf die Gefahr hin, als Verschwörungstheoretikerin zu gelten: dieser sogenannte Fortschritt der Gesellschaft durch Digitalisierung – das ist doch bloß Geldmacherei. Oder, wie neulich ein Patient sagte: „Es wird nicht mehr das gemacht, was nötig ist, sondern das, was möglich ist“.

Aktuelles

Hier einige Stimmen (aus dem Diskussionsforum zur Petition der KV Bayern vom 12.11.21):

Viel Geld für instabile Infrastruktur – die fast keiner nutzen will

„Es wäre schön die Arbeit von Ärzten zu erleichtern und nicht ununterbrochen fachfremde, hochkomplexe, instabile, ressourcenintensive und sehr teure Funktionalitäten zu fordern, die mit der Kernkompetenz nur am Rande zu tun haben, aber den ganzen Praxisablauf verteuern und verlangsamen. Und das, wenn Sie denn gerade mal funktionieren. z.B. auch der Rettungsdatensatz auf der Versicherungskarte (nicht, dass das in einer idealen Welt keine gute Idee wäre). Ich bin mir sicher auch die anderen Telematik-Funktionalitäten wollen die Patienten nicht wirklich. Das Vertrauen in die öffentliche Daten-Infrastruktur gibt die Offenlegung solch sensibler Daten für viele Menschen einfach nicht her. Und die Ärzte … die müssen – sonst bekommen Sie noch mehr Honorar abgezogen wie sie so für die Elektronik drauflegen müssen. Und am Ende haben alle mehr Arbeit und weniger Geld, weil die operativen Prozesse komplexer statt einfacher werden und das Geld anstatt den Patienten zu helfen in überteuerte IT/TK fließt.“

Re: Kassenarztrecht – Einführung von Flächentests zur elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung und zum e – Rezept

„Die Sicherheit der Daten bei zentraler Speicherung und die unzureichenden Sicherheitsstandarts in Praxen und bei Kassen gefährdet das Arzt / Patientengeheimnis. Täglich werden Daten in Praxen, Kliniken, Behörden und Softwareherstellern gehackt.
Es ist lediglich eine Frage der Zeit bis das mit den Daten der eAU ebenfalls erfolgt.
Daneben steht der zeitliche und finanzielle Aufwand in den Praxen keiner Relation zum Nutzen für die Krankenkassen.“

Seit Wochen nur Fehlermeldungen und Ausfälle – erhebliche Eigenkosten für die Praxis

„Seit dem PTV3-Konnektor-update vor einem Jahr liefen einige Module schon nicht, ohne dass die Techniker helfen konnten. Sie waren seitens CGM selbst nicht informiert worden. An die CGM-Zentrale kommen sie selbst nicht ran.
Seit dem PTV4-Upgrade eine Störung nach der anderen. Jedes Korrektur-update führte zu neuen Störungen, die vorher nicht da waren. Stundenlange Sitzungen nach Ende der Sprechstunde inklusive unerwarteter Funktionsausfälle. Nach der TLS-Codierung des Konnektors konnte KIM für 14 Tage gar nicht genutzt werden. Aktuell ist TSVG-Verbindung ausgefallen. Ein Fass ohne Boden. Software unreif und den voll arbeitenden Praxen verantwortungslos zugemutet – für viel Geld.

Ich habe für uns ausgerechnet: allein die Softwaremodule, Hardware und Servicekosten belaufen sich über 5 Jahre auf € 28.000. Die Förderung erstattet nur die Hälfte. Nicht berücksichtigt, weil nicht kalkulierbar, sind die Arbeitszeiten von Ärzte/ MFAs durch Telefonate, Störungsbeseitigungen, Ausfälle und Sitzungen mit den Technikern. Die Techniker der örtlichen Softwarehäuser sind oft ratlos, da sie nicht geschult wurden. In unserem Fall CGM.Eine einzige Katastrophe.“